Ich bin Soziokultur, weil Kulturelles und Soziales zusammengehören

Jeden Montag lädt das „Frühstück in Gemeinschaft“ zum Ankommen, Austauschen und Dableiben ein.

Kurz nachdem Astrid am Montagmorgen die Tür vom Kulturhause Wilster aufschließt, sitzt Heinke schon mit ihrer Goldrand-Lieblingstasse am Kopfende des Tisches. Die elegante Seniorin genießt die ruhigen Minuten, bevor sich der Raum gleich füllt. Denn hier, zwischen Klavier und Mischpult, wird aus einem Veranstaltungsort ein Dritter Ort: ein Begegnungsort, der weit mehr ist als ein Kulturhaus, ein Café oder eine Kneipe. „Wilsters Wohnzimmer“ nennen die Wilsteraner:innen ihr Kulturhaus – und das nicht ohne Grund.

Jeden Montag verwandeln Astrid und Gitta den Saal in ein einladendes Frühstückslokal: Frische Blumen auf den Tischen, duftende Brötchen, Käse, Marmelade und eine Überraschung – diesmal griechischer Frischkäse. „Jetzt kann die Woche beginnen“, hören sie oft an der Tür. Hier wird nicht nur gefrühstückt, hier werden Geschichten ausgetauscht, Rezepte weitergegeben und Freundschaften gepflegt. „Kultur und Soziales gehören zusammen“, sagt Astrid, die sich seit 2016 im Kulturhaus engagiert. „Bei uns steht die Gemeinschaft im Mittelpunkt – nicht der Profit.“ Gezahlt wird, was möglich ist, in die Spendenbox beim Rausgehen.

Ein Ort für alle – und für alles, was Gemeinschaft stärkt
Das Kulturhaus ist mehr als ein Veranstaltungsort. Es ist ein Dritter Ort zwischen Arbeit und Zuhause, wo Zugezogene und Alteingesessene, Einsame und Gesellige zusammenfinden. „Ohne das Kulturhaus wäre ich als Neu-Wilsteranerin verloren gewesen“, sagt Antje. Walter, der seit dem Tod seiner Frau die Einsamkeit spürt, kommt nach seiner Schultransport-Tour zum zweiten Frühstück ins Kulturhaus Wilster. Fritz, pensionierter Bildhauer und Lyriker, schätzt die Atmosphäre: „Willkommen ist hier nicht nur ein Wort – es ist ein Gefühl.“

Doch Wilsters Wohnzimmer ist auch Bühne: Statt Kaffee und Klönschnack, bekommen die Gäste am Wochenende ein abwechslungsreiches Programm geboten: Open Stages, Konzerte, Partys oder Tanz-Kurse. Auch Heinke, die die wechselvolle Geschichte des denkmalgeschützten Hauses am Markt seit Jahrzehnten miterlebt, bestätigt: „Wenn hier Musik gespielt wird, wird das Wohnzimmer zum Konzertsaal“. 2024 gelang es dem Verein Alte Schule – Bildung und Kultur Wilstermarsch e. V., das Haus durch eine Spendenaktion zu kaufen – ein Zeichen, wie sehr die Menschen hier an diesem Ort hängen.

Kultur von allen, für alle
Das Kulturhaus, das in diesem Jahr sein Zehnjähriges feiert, steht allen offen: für den alteingesessenen Skatclub, für Sprachcafés, den Filmclub oder das Wilstermarsch-Magazin, ein Regionalmagazin mit Bürger:innenredaktion. Hier wird Mitgestaltung gelebt, denn Soziokultur entsteht genau dort, wo Menschen ihr Umfeld selbst in die Hand nehmen.

„Weil es Orte wie dieses braucht“
Heinke blickt zufrieden über den gefüllten Tisch. Die Gespräche kreisen um die Open Stage vom Freitag, um Pläne für die nächste Woche – und darum, wie wichtig es ist, dass dieser Ort bleibt. „Deshalb ist das Kulturhaus Wilster so besonders: Es ist ein Stück Zuhause für alle, die hierherkommen.“

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